V&A Director Martin Roth awarded the Order of Merit of the Federal Republic of Germany

The V&A’s Director Martin Roth was recently awarded the Verdienstkreuz Klasse des Verdienstordens der Bundesrepublik (Order of Merit of the Federal Republic of Germany).

He was given the medal by the German Minister for Foreign Affairs, Dr Frank-Walter Steinmeier, at a reception in Berlin who gave the following speech, here reproduced in German and English.

Rede von Außenminister Frank-Walter Steinmeier bei der Verleihung des Bundesverdienstkreuzes an Martin Roth
19.04.2016

Verehrte Damen und Herren, David Chipperfield, liebe Gäste, vor allem: lieber Martin Roth,

seit mehr als 20 Jahren kreuzen sich unsere Wege, für mich jedenfalls auf glückliche Weise. Sie alle, meine Damen und Herren, können nicht ahnen, dass das mit einem norddeutschen Ereignis von Weltrang zu tun hat. Nämlich mit der Weltausstellung zur Jahrtausendwende, der EXPO 2000 in Hannover.

Gerd Weiberg hatte uns damals zusammengebracht und ich war sehr beeindruckt von diesem – damals noch jungen – Kulturmenschen, der international dachte und handelte und der in Hannover Exponate und Expertise, Weltausstellung und Weltwissen in einer neuen Art zusammen bringen wollte.

Nun, am Ende der Expo jedenfalls gab es einige Gründe, warum der Besuch leicht hinter den Erwartungen zurück geblieben ist. Aber eines war es sicher nicht: das Kulturprogramm der Expo 2000. Das war nicht nur richtig, sondern wegweisend! Nämlich, um kulturelle Korridore zu öffnen aus Deutschland in die Welt und aus der Welt nach Deutschland.

Im Grunde tun wir beide, jeder auf seinem Platz, das ja noch immer und so verfolge ich Martin Roths Lebensweg mit großem Respekt, wenn auch manchmal aus zu großem Abstand. Und umso dankbarer bin ich dafür, dass Martin Roth zu jener Art von Menschen zählt, denen man sich nahe fühlt, ohne daß man sich im Wochenabstand sieht und mit denen das Gespräch nie aufhört, auch wenn es manchmal für Wochen unterbrochen ist.

In unseren Gesprächen ging es und geht es eigentlich immer um eines: um das Verhältnis zwischen Innen und Außen, von Nähe und Ferne, aber auch um Ernst und Heiterkeit – mit respektvoller Verbeugung vor einem schwäbischen Landsmann und Künstlerfreund von Martin Roth, vor Friedrich Schiller und dessen Gedanken über die ästhetische Erziehung des Menschengeschlechts.

Meine Damen und Herren,
gleich zu Beginn meiner jetzigen Amtszeit hat in einem dieser Gespräche eines, wenn nicht das drängendste Thema unserer Zeit eine völlig neue Ausrichtung erfahren. Ich erinnere mich noch sehr gut, wir waren gemeinsam unterwegs im Libanon, aufgewühlt vom gemeinsamen Besuch eines Flüchtlingslagers und sprachen darüber, wie man nicht nur für das Überleben dort sorgen, sondern vor allem ein besseres Leben nach der Katastrophe ermöglichen könnte. Daraus entstanden ist ein vielfältiges Engagement, an dem viele hier im Raum Teil haben und für das ich Ihnen allen danken möchte. Denn uns allen ist klar: wir werden das Spannungsverhältnis zwischen Innen und Außen, zwischen national, religiös oder kulturell vorgeprägter Identität und der immer notwendigeren globalen Verständigung nicht einfach nur aushalten müssen. Wir werden es vor allem aber neu gestalten müssen, hier bei uns, aber eben auch in unserem kulturellen Wirken außerhalb Deutschlands und dabei, lieber Martin, bauen wir nicht zuletzt auf Deine Inspiration und Hilfe!

Meine Damen und Herren,
Martin Roth, hat sich dem Spagat von Innen und Außen erstmals ausgesetzt, als er vom Schwabenland nach Paris ging auf der Suche nach vielem, aber eben auch nach Weltausstellungen und Weite. Eine Suche, die sich dann ja niedergeschlagen hat in Deinem großen Buch zum Heimatmuseum, das mir im Rückblick wie ein Schlüsselroman Deines Wirkens vorkommt. Alle zentralen Fragen sind dort angelegt, stellt sich doch im Begriff der Heimat schon die Frage, wer da was für wen bewahrt und wie aus einem scheinbar wertneutralen Museum auch ein Instrument der politisch interessierten, der Partei ergreifenden Aufklärung werden kann.

„Nachts im Museum“, so hatten wir eine unserer Veranstaltungen in der Langen Nacht der Ideen vergangene Woche genannt. Und ich glaube, wir können sagen, dass Martin Roth entscheidend dazu beigetragen hat, das Licht der Aufklärung in die Museumsarbeit und in die kulturelle Arbeit insgesamt hinein zu tragen.

Ich darf hier an seine Gestaltung im Dresdener Hygiene Museum erinnern. Das Hygiene Museum war ein Kind der Aufklärung der 20er Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Dieses Kind wurde von den Nationalsozialisten auf die übelste Weise missbraucht. Später versuchten Museumsgestalter der DDR unter den Rahmenbedingungen ihres Systems an vorvergangene Zeiten aus der Weimarer Republik anzuknüpfen.

Als Martin Roth hier aber Verantwortung übernahm, vollführte er mit einer genialen Volte einen Sprung in die Moderne. Er verband das große Projekt der „Erzählung“ von Walter Benjamin aus den 20er Jahren mit nur scheinbar trivialen Objekten der Alltagskultur. Ein jedes Exponat ist eine Chiffre, die uns nicht nur Vergangenheit erklärt, sondern auch deren mögliche, vielleicht nur verstellte Hoffnung auf die Zukunft. Die das Spannungsverhältnis zwischen Identität und Weltwissen nicht romantisch verpropft, sondern aufklärerisch öffnet.
Und dadurch das Museum zu einem Ort der Beschleunigung in dieser Auseinandersetzung macht. Doch das muss ich wohl kaum bei einem Menschen hervorheben, der in der Nähe von Zuffenhausen zur Welt kam und daraus auch automobil nie einen Hehl machte…

***
Martin Roth jedenfalls schaffte innerhalb kürzester Zeit den geographischen Sprung von Dresden nach Hannover und wieder zurück. Und wieder schöpfte er Neues in der Auflösung der Spannung von Nähe und Ferne. Hannover klärte er mit einem formidablen Kulturprogramm über die Welt auf und in Dresden funktionierte er die Schatzkammer eines Absolutisten um zu einer Weltkultur der Aufklärung.

Dazu zählt übrigens auch, und das sei ganz deutlich gesagt, dass man sich die Gummistiefel anzieht, anpackt und das ein oder andere Risiko eingeht. Übrigens auch im ganz wörtlichen Sinne. Die sogenannte „Dresdener Hängung“ von Bildern unmittelbar unter der Decke und unmittelbar über der Elbe ist, finde ich, ein in der kunstgeschichtlichen Diskussion noch nicht hinreichend gewürdigtes Thema!

Meine Damen und Herren,
doch zwei andere Aspekte der Arbeit Martin Roths haben mich in den vergangenen Tagen besonders begleitet: Ich komme gerade wieder von einer sagen wir etwas anspruchsvollen Reise nach Polen. Eine Reise, bei der auch ein Thema der sogenannten Beutekunst noch immer eine Rolle spielt. Denn hinter der Frage, was juristisch wohin gehört, steht doch die viel größere Frage, wie wir aus der Zerstörung eines ganzen Kontinentes, die von deutschem Boden ausgegangen ist, wie wir aus dem daraufhin gegenseitig erlittenen Unheil eine gemeinsame Erinnerung gestalten.

Martin Roth hat sich auf diesem beschwerlichen Weg unschätzbare Verdienste erworben, als er uns half in den Verhandlungen mit Russland. Und wir werden uns von seinem Beispiel inspirieren lassen, wenn wir hier mit Polen vorankommen wollen – und das wollen wir.

Und noch eines der großen Themen Martin Roths ist mir in den vergangenen Wochen wieder begegnet, genauer gesagt vor einer guten Woche, während meiner Reise nach China: Wir sprachen dort mit meinem Kollegen über eines der aktuell heißen Eisen, nämlich die Situation im südchinesischen Meer. Und über verschiedene Blickwinkel und die Notwendigkeit, die Spannungen auszuhalten, die aus unterschiedlichen Perzeptionen derselben Realität herrühren.

Geradezu unmissverständlich machte mein chinesischer Kollege dabei deutlich, warum er Deutschland in einer besonderen Rolle sieht. Weil wir in unserem Verständnis von Politik und von Kultur nämlich um eben diese Spannung wissen. Weil wir dort weder belastet von kolonialer Vergangenheit noch unbeleckt von jedem Zweifel an der Gegenwart agieren. Kurz: weil wir das Spannungsverhältnis auszuhalten gelernt haben, dass jedem vernünftigen Diskurs zugrunde liegt. Einem Diskurs, für den Martin Roth und andere die Grundlage gelegt haben, als sie das Wagnis einer Ausstellung über die Aufklärung in China eingegangen sind.

Lieber Martin,
Du hast damals in einem Interview gesagt, eines der großen Probleme der deutschen Rezeption sei es gewesen, dass man die Ausstellung nicht als Provokationsmedium genutzt, sondern einem Gesinnungscheck unterworfen habe. Eher die Kritik aus der Sofaecke, die ich auch nur zu gut kenne, statt Mut zur Auseinandersetzung.

Du bist ja nun am Victoria und Albert Museum zurückgekehrt an den Ausgangspunkt der Weltausstellungen. Und erlebst gerade die britische Version einer Diskussion über Außen und Innen, Sofaecke und Verantwortung. Und wir alle wissen, wie notwendig gerade heute Deine Arbeit ist. Das Museum als Ort der – manchmal auch schmerzhaften – Begegnung. Als Ort der Anregung, der Inspiration, der Auseinandersetzung und – so viel Hoffnung sei erlaubt – als kultureller Korridor durch das Dickicht der Nationalismen!

In unserer Schulzeit, lieber Martin Roth, lernten wir vermutlich beide aus dem Mund eines eher konservativen Lateinlehrers einen einprägsamen Satz: Fibula decorat heroem, die Ordensspange ehrt den Helden.

Er kam mir wieder in den Sinn als ich über den heutigen Anlass nachdachte und dann im Wörterbuch nachschlagen mußte, was denn ein Held sei. Nun, in der Aufklärung jedenfalls ist das nicht mehr ein Krieger, sondern, ich zitiere hier aus einem Wörterbuch, ein Mensch „von Natur aus mit einer anschaulichen Gestalt, ausnehmender Leibesstärke und blitzendem Verstand“.

Die Leibesstärke lassen wir raus, den Rest lassen wir so stehen.

Lieber Martin Roth, es ist mir eine große Ehre und Freude, Dir im Namen des Bundespräsidenten das Verdienstkreuz Erster Klasse des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland zu überreichen!

(Originally published on http://www.auswaertiges-amt.de/DE/Infoservice/Presse/Reden/2016/160419_BM_Ordensverleihung_Roth.html)

TRANSLATION:

Ladies and Gentlemen, David Chipperfield, dear guests, and above all: dear Martin Roth,

Our paths first crossed more than 20 years ago, which was certainly in my case a fortuitous occurrence. Ladies and Gentlemen, you may not all know that this concerns a North German event of international standing. Namely, the World’s Fair of the Millennium, the EXPO 2000 in Hannover.

We were introduced at that time by Gerd Weiberg, and I was immediately impressed by this – at that time still young – cultural figure, who had an international outlook and outreach, wanting to bring the Hannover exhibitions and expertise together in a new way with world exhibitions and knowledge.

Nonetheless, at the end of the Expo there were still a number of factors that meant the trip fell below expectations. But that was certainly not due to one thing: the cultural programme of the Expo 2000. That was not only right, but groundbreaking! Specifically, it opened corridors of cultural influence between Germany and the rest of the World.

Essentially, we both do this, each from our respective positions, and so I continue to follow Martin Roth’s journey with great respect, even if at something of a distance. And for this reason I am the more grateful, that Martin Roth belongs to that class of people, to whom you feel close even when you go weeks without meeting, and with whom conversation never ceases, even when it is interrupted for several weeks at a time.

Our discussions were, and in fact continue to be about one main thing: the relationship between inside and outside, between closeness and distance, but also about seriousness and serenity – with a respectful nod to a Swabian countryman and artist friend of Martin Roth: Friedrich Schiller and his thoughts on the aesthetic education of mankind.

Ladies and Gentlemen,
In one of these discussions, at the very beginning of my current term of office, one of the most pressing issues of our time took a completely new direction. I still remember it well. We were travelling together in Lebanon, wound up by a visit to a refugee camp and were discussing how we should not just be concerned for survival following such a disaster, but also about how to ensure that a better quality of life is made possible. From this resulted a manifold commitment, in which many in this room have participated, and for which I would like to thank you all.

For it is clear to us all: we need not simply endure the tension between inside and outside, between national, religious or culturally-determined identity and an increasingly essential global understanding. Above all, we must re-configure this, here with us, but also in our cultural work outside of Germany and for this, Martin, we build on your inspiration and help!

Ladies and Gentlemen,
Martin Roth first demonstrated the balancing act between inside and outside when he travelled from Swabia on the search for many things, but also looking for World exhibitions and platforms. A search, which then buried itself in your great book on the ‘Heimatmuseum’, that in retrospect seems to me a roman-à-clef of your activity. All the central questions are laid out within it, already demanding questions of the concept of home – who should preserve what for whom, and how a seemingly value neutral museum can also be a vehicle for political interests, that can become a poignant part of the Enlightenment.

“Night in the Museum”: so we named one of our events during the Long Night of Ideas last week. And I think we could say that Martin Roth has contributed decisively to carrying the torch of enlightenment for museum work and cultural work in general.

Here, I would like to recall his work in the Dresden Hygiene Museum. The Hygiene Museum was a child of the Enlightenment of the 20s in the last century. This child was sorely abused by the Nazis in the worst way. Later Museum officials of the DDR tried to force a connection between their ideologies and foregone times of the Weimer Republic.

But when Martin Roth took over responsibility here, he achieved with a genius volte a leap into modernity. He drew a connection between Walter Benjamin’s great Theory of Narrative of the 20s and seemingly trivial artefacts of everyday life. Every exhibit is a cipher that does not just tell us about the past, but also of their possibilities, perhaps only feigning hope for the future. They do not just romantically prop up the tension between identity and world knowledge, but open Enlightenment. And through this the museum becomes a place for the acceleration of this debate. But I hardly need explain this to anyone who was born near to Zuffenhausen and never kept cars a secret …
***

Anyhow, in a short time Martin Roth made the geographical leap from Dresden to Hannover and back. And again he came up with something new in the resolution of the tension between closeness and distance. He enlightened Hannover with a formidable international cultural programme, and in Dresden he transformed the treasures of absolutism into a universal culture of the Enlightenment.

It must be stressed, by the way, that this involves a willingness to put on ones wellington boots, get stuck in, and take a risk or two. And this in a quite literal sense. I find that the so-called ‘Dresdener’ way of hanging pictures just below the ceiling and directly over the river Elbe is in the history of art a not sufficiently underappreciated topic!

Ladies and Gentlemen,
Still two other aspects of Martin Roth’s work have especially accompanied me in the past few days: I have just returned from a, let us say rather challenging, trip to Poland. A trip in which a theme of the so-called trophy-art still plays a part. For behind the question of what legally belongs where stands the much greater question: how we can build a collective memory out of the destruction of an entire continent, largely from German soil, out of a mutually experienced catastrophe.

Martin Roth has acquired invaluable merits on this difficult journey, when he helped us in negotiations with Russia. And we will be led by his example when we make progress with Poland here – which we want to.

And I encountered another of Martin Roth’s key issues last week, in fact over a week ago, during a trip to China. We were talking with a colleague there about a current hot topic, namely the dispute over the South China Sea, and over different viewpoints and the necessity to withstand the multiple perspectives of the same issue.

My Chinese colleague made it unmistakably clear why he sees Germany as occupying a special role. Because in our understanding of politics and culture we know precisely about such tension. Because we are neither burdened by a colonial past, nor blinded by any doubt in the present.
In short: because we have learned to endure the tension that underlies every rational discourse. A discourse for which Martin Roth and others have laid the foundations when they ventured to undertake an exhibition on the Enlightenment in China.

Dear Martin,
You once said in an interview, that one of the greatest problems of German reception was that exhibitions were not taken as mediums of provocation but instead subjected a reality check. This is rather a lazy criticism, one that I know all too well, rather than showing courage in confrontation.
You are now at the Victoria and Albert Museum at the beginning of discussions about world exhibitions. And you are currently experiencing the British version of a discussion over outside and inside, passivity and responsibility. And we all know how essential your work is precisely today. The Museum as a place of – sometimes emotional – encounters. As a place of stimulation, inspiration, differentiation and – so much hope should be allowed – as a cultural corridor through the thicket of nationalisms!

In our schooldays, I imagine we both learned from a somewhat conservative Latin teacher, the memorable phrase Fibula decorat heroem: the Hero will be honoured.

This saying came to me recently as I thought about today’s event, and then had to consult a dictionary to look up how exactly a hero is defined. It turns out that this is no longer a warrior, but, and I quote here from the dictionary, it is a man “of a naturally illustrative figure, exceptional physical strength and with an illuminating mind”.

The physical strength we can forget, but the rest rings true.

Martin Roth, it is my great honour and joy to present to you on behalf of the Federal President the First Class Order of Merit of the Federal Republic of Germany.

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